Zeige mir Dein Gesicht!

Manchmal ist der Auslöser für ein irritierendes Bild, welches ich erstellt habe, recht banal, aber dazu später mehr. In diesem Bild zeige ich mich selbst, meinen eigenen Kopf, der einen leblosen, toten Eindruck macht. Ich halte mich selbst in die Augen des Betrachters, im Kopf die Gedanken: „Hier, bitteschön, schau Dir gut an, was Dir da entgegen gehalten wird!“. Etwas morbide, sicherlich, vielleicht sogar für einige zart besaitete Gemüter zu viel. Aber ich gehe gerne an gewisse Grenzen, lote manchmal den Betrachter, als auch mich selbst aus, wenn ich solche Fotomontagen erstelle. In den Extremen der eigenen Untiefen der Seele herum zu kramen und einzelne Subjekte meiner zuweilen sehr schwarzen Kreativität ans Tageslicht zu lassen, ist ein Teil von mir. Ich verlange nicht, dass man diese versteht, aber ich mache keinen Hehl aus mir selbst und zeige daher manchmal bewusst meinen eigenen Gemütszustand, meine Seelenverfassung. Aber wie bereits erwähnt ist der Auslöser für dieses Bild ausnahmsweise mal kein bildhaftes Abladen meiner schwarzen Gedankenwelt. In einer jener Online-Plattformen, die sich weitestgehend mit Fotografie beschäftigt, wurde einst eine Art Wettbewerb gestartet. Dieser Wettbewerb trug den Titel „Show me your face!“ – „Zeige mir Dein Gesicht!“. Wie zu erwarten wurde dieser Wettbewerb mit unzähligen „Selfies“ bombardiert, tonnenweise Darstellungen der eigenen Eitelkeit, meist in grauenhafter Qualität, schnell zwischen Tür und Angel, im Badezimmer oder auf dem eigenen Bett (mit Myriaden von Herzchen und Sternen zugepflastert) oder irgendwo da draussen geschossen und mit jenen unsäglichen Fertig-Filtern malträtiert, um aus einem schlechten Bild wenigstens noch ein klein wenig „Ansehnlichkeit“ heraus zu quetschen, je nachdem, was jene sich selbst darstellende Person unter „Ansehnlichkeit“ verstand. Nun juckte mich meine eigene Kreativität, ich wollte bewusst einen Kontrapunkt setzen, den Wettbewerbstitel beim Wort nehmen, wortwörtlich umsetzen. Also experimentierte ich ein wenig herum, schob ausleuchtende Blitze, Lampen und Stative hin und her, wählte aus einigen entstandenen Bildern die geeigneten heraus und bastelte dann in knapp einer Stunde dieses Bild zusammen. Zugegeben: Nicht perfekt, aber allemal ausreichend um die Aufforderung, ein Gesicht zu präsentieren, ein klein wenig ad Absurdum zu führen. Natürlich gewann ich in diesem Wettbewerb nichts, das war auch nicht mein Ziel. Es reichte mir anhand der Kommentare zu sehen, dass einige Betrachter meinen Sinn für Absurditäten, Skurrilitäten und optische Provokationen entdeckt und verstanden hatten, dass es möglich ist, Worte manchmal bildhaft auch ganz anders darzustellen, als man das vielleicht erwartet hätte. Macht mir noch Spass sowas: „Zeige mir Dein Gesicht!“ – „Bitteschön, hier haste!“.

Ein anderes Beispiel – dieses Mal aber Produkt meiner schwarzen Gedankenwelt und nicht die eines Wettbewerbauftrages – für die exakte Umsetzung von Worten ist das Bild, in denen ich Augen in das Gesicht des Betrachters halte, vermeintlich aus mir selbst heraus gerissen. Hier lag ein Musiktitel zu Grunde: „Gib mir Deine Augen!“ der Rockband „Rammstein“. Rammsteins Werke sind vielfach interpretierbar, manchmal aber auch fast schon herzlos einfach verständlich: „Gib mir Deine Augen, gib mir Dein Licht, schenke mir Deine Tränen, die Seele will ich nicht.“ Ich interpretierte jene Zeile so, als dass ich dazu aufgefordert wurde, jemandem meine Augen zu geben, damit dieser Mensch die Dinge in jenem Licht sehen kann, wie ich sie sehe – nicht aber, was ich daraus mache, wie ich das Gesehene empfinde, Konsum der Fähigkeiten und Qualitäten eines Menschen, nicht aber des Menschen in seiner Gesamtheit, also mit Gefühlen. Wie das nun einmal oft der Fall ist, wenn Menschen aufeinander treffen…

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