Wissen, was man will

Es war ein etwas ungemütlicher Tag im Herbst, als wir an der Küste Rügens entlang gingen, um die berühmten Kreidefelsen zu sehen. Für meine Welt passte das Wetter zu der Aussicht, als grosser Freund des Malers Caspar David Friedrichs erwartete ich herrlich schwermütige, typisch „deutsch“ anmutende Aussichten, die den Werken des Frühromatikers gleichen würden, nur nicht gemalt, sondern mit eigenen Augen gesehen und in ein digitales Bild gebannt. Nun bin ich nicht sonderlich empfindlich, wenn es um Wetterlagen im Norden (genauer: Nordosten) Deutschlands geht. Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte (oder abgemildert formuliert „nicht geeignete“) Kleidung. Während es mir gelang, aus den Gegebenheiten wenigstens ein klein wenig zu machen und ein Bild im Stil von Caspar David Friedrich einzufangen, sah und empfand all das meine damalige Begleitung vollkommen anders: Ungemütliches Wetter, viel (genauer: viel zu viel) Laufen, eine generell vorherrschende Unausgeglichenheit und grundlegende Unzufriedenheit mit sich selbst und der Welt, allumfassende Depression. Da war sie wieder, diese Unvereinbarkeit von Ying und Yang, der alles beeinflussende Unterschied, die klare Grenze zwischen Mann und Frau, das vollkommene Gegenteil im Umgang mit ein- und derselben Situation, mit der beide gleichermassen in ein- und demselben Moment konfrontiert waren, um ihnen bewusst zu machen, dass es ohne den anderen trotz aller Unterschiedlichkeit manchmal eben nicht geht. Natürlich sind die Kreidefelsen von Rügen bei Temperaturen von in etwa 20 bis 22 Grad Celsius und Sonnenschein angenehmer zu erkunden, als bei herbstlichen 12 bis 14 Grad. Darüber muss sogar ich nicht diskutieren. Nun war es aber so, wie es nun einmal war und nichts und niemand konnte etwas daran ändern, dass sich zwei Menschen aufgrund nicht abänderbarer Gegebenheiten weiter voneinander entfernten, als sie es für zuvor für möglich gehalten hatten. Vielleicht erkannten diese beiden Menschen in jenem Moment aber auch, dass es trotz aller aussergewöhnlicher Verbundenheit immer einen ganz besonderen, sehr eigenen und tiefen Graben zwischen ihnen geben würde. Zumindest ging es mir so.

Aber wie gehen Menschen mit solchen Situationen in so einem Moment der Erkenntnis um?

Die Distanz zwischen uns vergrösserte sich, nicht nur geistig und emotional, sondern auch räumlich. Allumfassender Weltschmerz, gefördert durch Stimmungen, wie sie eben nur Caspar David Friedrich einfangen konnte, lässt sich in so einem Moment nicht beseitigen, nicht auflösen. Also – so dachte ich zumindest – sollte man wenigstens an dem etwas ändern, was sich ändern lässt: Raus aus dieser ungemütlichen Szenerie! Raus aus der Kälte, so wenig wie möglich Energie bei alledem aufwenden, den kürzesten Weg zur Schadensbegrenzung einschlagen, physisch, wie psychisch, den Raum finden, in welchem man wieder aufeinander zugehen kann, anstatt sich voneinander zu entfernen. Und das so schnell und reibungslos, wie nur irgend möglich, schöne und einmalige Kreidefelsen hin oder her! Dem Menschen, der sich nach Wärme und Geborgenheit in diesem Moment sehnt, weil die umgebende Szenerie das vollkommene Gegenteil von diesem Bedürfnis darstellt, die Sehnsucht stillen. Aber wie soll das möglich sein, wenn die Frage „Was willst Du?“ unbeantwortet bleibt und statt dessen eine einzige grosse Anklage gegen so ziemlich alles erdenkliche im Raume dieser rauhen Natur abgeladen wird?

„Triff eine Entscheidung, Jens, um Deiner Selbst Willen! Geh! Das ist ein erwachsener Mensch, der in der Lage sein sollte, sich selbst zurecht zu finden, was immer sie in diesem Moment auch beschäftigt: Es ist Dir unbekannt und somit per se nicht Deines, sondern ihres. Soll sie den ihr bekannten Weg zurück gehen oder aber mit mir den unbekannten gehen, mir vertrauen oder aber sich auf sich selbst verlassen, selbst eine Entscheidung treffen. Im denkbar ungünstigsten Moment alledem mit einer Anklage zu begegnen, ist alles andere, als förderlich und raubt nur die Zeit, die am Ende des unbekanntes Weges dann der Wärme und Geborgenheit gehören. Geh! Vielleicht wird dann alles wieder gut.“

Ich lief los, hatte meine Entscheidung getroffen. Sie folgte mit einigem Abstand. Es wurde nicht alles gut, sie ging letztlich ihren Weg, den ihr seit vielen Jahrzehnten bekannten Weg mit der Begründung, dass sie nicht wissen würde, was sie will. Mir blieb von alledem dieses Bild der Kreidefelsen von Rügen, Sinnbild dessen, was uns von Anfang unterschied und trennte und immer trennen wird. Ich mag dieses Bild trotz allem, was seit seiner Entstehung geschehen ist, sehr, denn es gibt Menschen, die wissen, was sie für sich selbst und den Menschen, für den sie sich entschieden haben, wollen und dieses Bild erinnert mich daran, dass es solche Menschen gibt. Auch wenn zwischen Entstehung und Erkenntnis manchmal Jahre liegen.

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