Wertvolle Perspektiven

Zuweilen macht es mir Spass, nicht nur mit der Technik eines Bildes zu spielen, sondern auch mit der – möglichen – Aussage dahinter. Anders formuliert: Warum ich den Auslöser betätigte, werde ich wohl wissen. Spannend an einem (oder wie in diesem Falle zwei Versionen dieses einen) Bild(es) aber ist, was ein Betrachter daraus macht. Wer mich wirklich sehr gut kennt, der wird wissen, was es mit dieser Kombination aus Motorrad, einer Kurve und den Schweizer Bergen um diese zufällig gewählte Kurve herum auf sich hat. Aber wirklich gut kennen mich nur sehr wenige Menschen und das ist auch gut so. Bleiben wir also bei dem, was ich mit diesen zwei Bildern ganz offensichtlich vermitteln will. Das erste Bild ist leicht über dem Windschild meines Motorrades entstanden, die Sicht des Betrachters dürfte sich im ersten Moment auf das konzentrieren, was als „Kurve“ im Bild ersichtlich ist. Das zweite Bild hingegen zeigt vorwiegend die Maschinerie, mit der diese Kurve anvisiert wird. Welches Bild hat also mehr Aussage oder Bedeutung, warum ein- und dieselbe Szenerie in zwei verschiedenen Versionen? Und schwupps habe ich Sie da, wo ich Sie als Betrachter haben will. Ein Bild hat eine Aussage, eine erste Wirkung auf einen Betrachter, zwei Versionen aber der gleichen Szenerie erzeugen vor allem zuerst Verunsicherung. „Was soll das jetzt?“. Die meisten Betrachter dürften wohl die erste Version bevorzugen. Die Schweizer Alpenlandschaft ist doch allemal schöner, als ein mittelmässig in Szene gerücktes Werbe-Sujet für Motorräder einer bestimmten Marke, oder?

Nun, darüber muss man nicht diskutieren, Berge, in Millionen von Jahren bewegte Gesteinsmassen sind per se ansprechender, als vom Menschen geschaffene Technik. Mit dieser Erkenntnis belassen es die meisten Menschen, sie treffen eine Wahl, welches wohl das ansehnlichere der beiden Bilder ist und sind irritiert darüber, dass überhaupt zwei Versionen gezeigt wurden, wo doch diese eine allemal gereicht hätte. Sie denken nun einmal nicht weiter. Aber es hat immer einen Sinn, wenn ein Maler etwas oder jemanden in verschiedenen Ansichten malt, ein Schreiberling ein Thema in verschiedene Schriftweisen verewigt oder aber ein Fotograf mehrere Versionen einer Ansicht auf ein Medium bannt. Ein Bild lenkt immer in eine Richtung, aus der es gesehen werden will, wie ein Fotograf will, dass ein Bild gesehen werden soll, Bilder sind hochgradig manipulativ! Zwei verschiedene aber müssen nicht immer irritieren. Zwei verschiedene Ansichten einer Situation eröffnen zwei Perspektiven. Und zwei oder mehr verschiedene Perspektiven lassen grundlegend andere Betrachtungsweisen und Erkenntnisse zu. Durch minimale Veränderung der Perspektive ergeben sich vollkommen andere Deutungs- und Betrachtungsmöglichkeiten. Natürlich muss man gar nichts deuten. Man kann ein Bild einfach nur gut oder schlecht finden, egal, aus welcher Perspektive man es betrachtet oder es sich selbst präsentiert. Aber in dem Moment, in dem einem selbst als Betrachter gewahr wird, dass es sich überhaupt um zwei verschiedene Sichtweisen handelt, macht man etwas aus dem Bild oder den Bildern etwas, was unter Umständen nicht Intention des Fotografen war. So passend und plausibel die eigene Deutung eines betrachteten Bildes auch sein mag: Sie muss nicht einmal ansatzweise der Intention des Erstellers entsprechen. Betrachter und Ersteller sehen etwas vollkommen anderes.

Welche Perspektive ist also wertvoll? Die des Betrachters oder die des Erstellers? Wenn ich nur ein Bild zeige, welches ich fotografisch fest gehalten habe, so werden mindestens zwei bis drei weitere Versionen vorhanden sein. Warum ich aber manchmal nur eine zeige oder aber manchmal eben auch ganz gezielt zwei oder mehr, das hat seine Gründe. Ich mache immer und ausnahmslos aus einer einzigen Perspektive eines Bildes, welches mir gezeigt wird, mehr, als ich offensichtlich sehe, ich interpretiere nicht sichtbare Dinge in ein Bild. Ich sehe ein einziges Bild immer und ausnahmslos auch aus möglichen anderen Perspektiven. Und so erschliessen sich mir manchmal Ansichten, die vielleicht nicht in den Intentionen des Erstellers lagen, aber manchmal auch Dinge zeigen, die man nicht vermutet hätte, die ein und dasselbe Motiv – wie hier das eines Motorrades vor einer Kurve in den Schweizer Bergen – in zwei vollkommen unterschiedlichen Lichtern erscheinen lassen. Wer aus möglichen Perspektiven nichts macht, kann vielleicht gut sehen und Perspektiven erkennen. Wer aber aus Perspektiven nichts macht, wird nie begreifen, dass eine minimale Veränderung derselben vollkommen neue Sichtweisen ermöglicht, sowohl für den Betrachter, als auch den Ersteller.

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