Vollkommene Stille

Für manch einen mag es befremdlich klingen, aber mein grösster Wunsch ist, dass ich manchmal absolute Stille für einen langen Zeitraum in meinem Kopf habe. Genau genommen geistert mir andauernd etwas durch den Kopf, manchmal zusammenhängend, oft genug aber ist es ein einziges Wirrwarr an Gedankensprüngen, welches erst unterbrochen wird, wenn ich einschlafe. Dankenswerter Weise kann ich das meistens recht gut und schnell, aber kaum erwache ich, geht die Rotiererei wieder von vorne los. Manchmal habe ich den Verdacht, dass dieser Schalter, mit dem man das bewusst abstellen könnte, aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grunde absichtlich nicht in unser Hirn eingebaut wurde – zumindest fehlt er in meinem und so habe ich es bisher erst zwei Mal erlebt, dass über mehrere Stunden da oben zwischen meinen Ohren und hinter meinen Augen absolute Stille herrschte, ich absolut nichts dachte, sondern lediglich meine Wahrnehmung ungefiltert arbeiten liess. Das erste Mal, wo ich diese für mich so schöne Erfahrung machen durfte, dass das möglich ist, war vor einigen Jahren in Katalonien, nicht weit entfernt von dem kleinen Städtchen Flix. Dort floss der Ebro durch die katalanische Hochebene, ab und an durch Staumauern unterbrochen. Durch Zufall fand ich einen kleinen Platz, setzte mich auf einen Stein und schaute dem Sonnenuntergang über der kargen Umgebung zu. Erst nach längerer Zeit fiel mir auf, dass nichts, absolut nichts zu hören war, kein Vogelgezwitscher, kein Brummen von Insekten, keine Fahrzeuge, noch nicht einmal der Lärm, den das Wesen Mensch erzeugt, war irgendwo auszumachen. Lediglich wenn man sich einer der zahlreichen Hochspannungsleitungen näherte, konnte man das Brummen der Elektrizität in den armdicken Leitungen hören. Ich habe ein gutes Gehör, aber so sehr ich diese Wahrnehmung auch in verschiedene Richtungen konzentrierte, ich hörte keinen Laut. Und prompt blieb mein Denkapparat da oben stehen. Ich dachte nichts mehr, sondern sah nur noch über den Ebro hinweg in die untergehende Sonne.

Es mussten gut 40 oder 50 Minuten gewesen sein, bis mein Denkapparat wieder irgendein Zeug fabrizierte. Ausgelöst wurde das durch ein Schauspiel, welches ich so zuvor noch nie gesehen hatte. In der aufsteigenden Dunkelheit löste sich von rechten Ebro-Ufer ein kleiner dunkler Punkt. Es war aller Wahrscheinlichkeit nach ein Raubvogel, der zum Flug über den Fluss ansetzte. Ohne einen einzigen Flügelschlag segelte er aus der Dunkelheit heraus in die glitzernden Reflektionen des an dieser Stelle recht breiten Ebros. In der Mitte des Flusses angekommen, machte er einen einzigen Schlag mit seinen grossen Schwingen und segelte in einer perfekt waagerechten Linie weiter zum anderen Ufer, wo er als Punkt wieder in der Dunkelheit verschwand. Vollkommen tonlos, ohne einen einzigen Ruf. Eine unbeschreiblich schöne und beruhigende Szenerie.

Ich weilte noch ein paar Tage in dieser Gegend und immer wieder kehrte ich zu jenem Platz zurück, sowohl am Abend, als auch am Morgen. Am Morgen flog eben jener Raubvogel in genau gleicher Weise von der linken zur rechten Flussseite, wieder nur einen einzigen Flügelschlag in der Mitte des Flusses tätigend, als wäre dieser Prozess eine Art Uhr mit einem vollkommen unbekannten, sehr langsamen und vor allem lautlosen Zeitmessungsintervall. Immer wieder, wenn ich auf jene Stein Platz nahm, wurde es in meinem Kopf still und erst, wenn der grosse Vogel die andere Uferseite erreicht hatte, setzten meine inneren Gespräche wieder ein. Ich habe mir vorgenommen, irgendwann einmal wieder an jenen Ort zurückzukehren. Ich hoffe darauf, jenen Vogel vielleicht wieder zu sehen. Aber ich hoffe insbesondere darauf, die Magie jenes Platzes der vollkommenen Stille wieder erleben zu dürfen. Es gibt für mich keinen schöneren Anblick mit einer solch starken Wirkung.

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