Stillstand der Zeit

Über viele Jahre hinweg hingen an meinen Wänden zahlreiche Bilderrahmen mit Erinnerungen an Reisen, gefüllt mit Momentaufnahmen, die mir aus verschiedensten Gründen wichtig waren oder einfach schön erschienen. Die meisten von ihnen habe ich inzwischen abgehängt, weil sie anderen Dingen weichen, durch neue ersetzt werden mussten. Es ging einfach nicht mehr, ich konnte vieles davon einfach nicht mehr sehen. Mehr durch Zufall stolperte ich vor einiger Zeit dann über jene digitalen Bilderrahmen, denen ich lange Zeit nichts abgewinnen konnte, mittlerweile aber erinnern mich drei Stück an andere Momente, andere Reisen und erst kürzlich füllte ich den dritten von ihnen mit Fotografien, die ich bei meinem letzten Besuch in Berlin vor einigen Jahren erstellt hatte. Beim Sichten und Auswählen der zu zeigenden Bilder blieb ich an einem bestimmten Foto etwas länger hängen. Es handelte sich um das Schaufenster eines Uhren- und Schmuckgeschäftes in Berlin Schöneberg, genauer: Im Bayrischen Viertel, dem Bezirk, in welchem ich die meisten Jahre meiner Berliner Zeit verbracht hatte. Es handelte sich um ein Gebäude aus den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, ein eher notdürftig anmutender Bau, wo zuvor ein hochherrschaftliches Wohnhaus stand, welches den Bomben zum Opfer gefallen war. Solche Notbauten kann man noch oft im Stadtbild Berlins sehen, aber inzwischen wurden auch viele durch Neubauten ersetzt. Dieser städtische Wandel war auch seinerzeit der Grund dafür, warum ich gezielt mit der Kamera in meinem „Kiez“ herum streunte, ich wollte so viel wie möglich von meiner Vergangenheit einfangen und fest halten, bevor auch der letzte Rest verschwunden sein würde. Und dieser Laden ist fester Bestandteil meiner Jugend!

Er hatte sich im Laufe der mittlerweile fast dreissig Jahre, nachdem ich ihn zum ersten Male betreten hatte, nicht verändert. Noch immer strahlte er jenen höchst eigenartigen „Charme“ der späten 50er und frühen 60er Jahre aus und noch immer wurde er unter gleichem Namen wie damals geführt (wenn auch von Nachfolgern), was in Berlin mitnichten eine Selbstverständlichkeit ist. Solche Geschäfte, die so viele Jahrzehnte überlebt haben, sind eine absolute Seltenheit, meistens wurden sie in der Zwischenzeit durch Döner-Buden oder andere reichlich kurzlebige Institutionen ersetzt. Aber dieser Dinosaurier war noch da und so drückte ich auf den Auslöser. In diesem Laden hatte ich einst die Ohrringe gekauft, die ich noch heute trage, so ziemlich die einzige „Gerätschaft“, die meinen Weg von Berlin nach Zürich unverändert überdauert hat. Ich blieb eine Weile vor dem Laden stehen und liess die Erinnerungen an mir vorbei rauschen, zahlreiche Kurzfilme aus meiner Vergangenheit in jenem Bezirk spulten sich in meinem Kopf ab und so erinnerte ich mich auch daran, wie ich einst in jenem Laden meine Auswahl traf. Ich war damals bereits durch zahlreiche namhafte Läden am Kurfürstendamm und anderswo gezogen, fand aber keine Ohrringe, die meinen Vorstellungen entsprachen. Aber hier, weit entfernt von allen einschlägigen Einkaufsstrassen von Berlin, in diesem Geschäft, in welchem die Zeit stehen geblieben zu sein schien, wurde ich schliesslich fündig.

Ich betrat den Laden und eine sehr freundliche jüngere Dame trat an mich heran und fragte, womit sie mir dienen könnte. Ich erzählte ihr ein wenig über meine Verbindung zu jenem speziellen Geschäft, zeigte ihr auch meine Ohrringe. Sie blätterte daraufhin in einem uralt anmutenden Katalog und fand darin auch das Modell, welches ich einst erworben hatte. Sie führten diese Ausführung nur für sehr kurze Zeit und hatten diese Ohrringe später auch nicht wieder ins Programm aufgenommen, auch wurde dieses Modell später nicht wieder hergestellt, aber sie konnte sich noch gut daran entsinnen, dass sie jene Ohrringe einst im Angebot hatten, sie waren bereits damals „eher ungewöhnlich“ und entsprachen nicht unbedingt dem Geschmack der breiten Masse. Mit ihrer Erlaubnis durfte ich noch ein paar Fotos vom Innenraum des Ladens machen, bevor ich mich wieder auf den Weg machte, um „mein“ Berlin abzulichten. Heute, fast dreissig Jahre später, leuchtet nun auch dieses Foto über den Bildschirm des kleinen digitalen Bilderrahmens, den ich kürzlich erworben hatte. Ich hoffe sehr, dass ich nochmal einen Blick auf dieses Geschäft werfen kann und dieses nicht zwischenzeitlich durch eine jener elendigen, vor allem nach altem Fett stinkenden Fressbuden ersetzt wurde, wie man sie zuhauf in Berlin an allen Ecken und Enden antreffen kann. Mich freut es, wenn solche Läden der Zeit widerstehen und diese manchmal über Jahrzehnte hinweg anhalten.

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