Spätschicht im Waschsalon

Als ich vor vielen Jahren Berlin den Rücken kehrte, gab es kaum noch Waschsalons, weder im ehemaligen West- und schon gar nicht im Ost-Teil der inzwischen Mauerlosen Stadt. Zu dieser Zeit waren die meisten Geschäfte bereits ab 18 Uhr geschlossen, einige wenige ab 19 Uhr. Alles andere, was noch länger offen hatte, waren die 24-Stunden-Tankstellen oder jene eigenartigen Mixturen aus Döner-Bude und Kiosk. Fertig. In Zürich inzwischen sesshaft geworden, fuhr ich diverse Male an einem der hier übrig gebliebenen Waschsalons vorbei, irgendwo direkt an der Tram-Linie 9. Hier in Zürich sind diese Dinger am Aussterben und lange Zeit dachte ich, dass sie wohl auch in Berlin inzwischen verschwunden wären, aber das Gegenteil war der Fall. Auf einem meiner Besuche in meiner Geburtsstadt, lange, nachdem ich Zürich zu meiner neuen Heimat gemacht hatte, stromerte ich zu sehr später Stunde im Ost-Teil herum und lief in der Nähe des Rosenthaler Platzes an jenem Exemplar vorbei, in welchem gerade bei brütenden Sommertemperaturen ein Mann dabei war, den Boden zu wischen, während um jenen ansonsten menschenleeren Salon herum das Nachtleben dieses Bezirkes von Berlin gerade am Erwachen war. Weit nach 22 Uhr. Ich schaute jenem Mann eine kurze Zeit lang zu, wie er geradezu stoisch-mechanisch das Putzgerät über den Steinplattenboden zog. Dann drückte ich auf den Auslöser.

Waschsalons…

Ich komme aus einer Stadt, wo zu meiner Zeit nicht nur andere Ladenöffnungszeiten üblich waren, sondern auch in so ziemlich jeder Wohnung eine private Waschmaschine vorhanden war. In die sehr wenigen Waschsalons, die zu meiner Zeit noch übrig waren, gingen nur die, die entweder zu arm waren oder aber die etwas vor einer eifersüchtigen Ehefrau oder einem eifersüchtigen Ehemann zu verbergen hatten. Und dafür musste man seinerzeit noch sehr weit in Berlin herum fahren, um solche Räumlichkeiten überhaupt noch zu finden! Es hatte sich viel, sehr viel verändert, seitdem ich aus Berlin weg gegangen war! Waschsalons waren zu meiner Zeit eher ein Inbegriff von sozialer Randständigkeit, Armut, jetzt gehörten sie zum Stadtbild, auch inzwischen wieder im ehemaligen West-Berlin. Ja, Berlin war vielleicht noch so etwas wie „sexy“, wie es einst ein ganz bestimmter Oberbürgermeister auszudrücken pflegte. Aber es war auch noch ärmer geworden, als ich es in Erinnerung hatte. Es hätte mich jedenfalls nicht gewundert, wenn jener Mann, der dort den Boden wischte, zu dieser späten Stunde nicht dem zweiten oder gar dritten Beruf an jenem Tag nachgegangen wäre, nur um irgendwie über die Runden zu kommen, während um ihn herum sich diejenigen das Nachtleben jener Stadt gönnten, die sich das leisten konnten. So, wie ich in jener Nacht.

Noch eine ganze Zeit lang geisterte mir dieser Anblick und jenes eigenartige Gefühl im Kopf herum, dass ich seinerzeit wohl die richtige Entscheidung getroffen hatte, jener Stadt den Rücken zuzukehren.

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