Seifenblasenidyll

Dieses Bild ist jetzt gut acht Jahre alt und es ist auch kein besonders gutes Bild, aber es hat eine besondere Bedeutung für mich. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich in etwa, was mir bevor stehen würde: Einmal mehr sehr tiefgreifende Veränderungen, die teilweise bis zum heutigen Tage nachwirken. Was da auf mich zukommen sollte, erschien mir dermassen übergross und umwälzend, dass ich nicht anders konnte, ich musste eine Zeit lang weg, Abstand suchen, Ruhe finden, Kraft sammeln, um wenigstens einigermassen ausgeglichen zu bleiben, wenn die Zeiten stürmisch werden würden. Also packte ich alles zusammen, was ich für einen angenehmen Zelt-Ausflug auf mein Motorrad packen konnte und fuhr am Stück gute 700 Kilometer nach Norden in die Nähe meiner Geburtsstadt Berlin. Die Fahrt an sich war fordernd, aber schön. Die Maschine lief einwandfrei und ich war mit ihr und dem Fahrtwind allein. Irgendwo im Umland von Berlin fand ich an einem kleinen See einen Zeltplatz, grösstenteils noch die eigenartige Atmosphäre der ehemaligen DDR ausstrahlend, aber das war mir egal, ich hatte alles, was ich brauchte, bei mir und auf Luxus konnte ich wahrhaftig gut verzichten. Ich wollte wieder frei atmen können, meinen Kopf zur Ruhe bringen. Eigenartiger Weise ging das auf jenem Campingplatz weitaus schneller, als ich mir das selbst habe vorstellen können. So nahe an und mit der umgebenden Natur leben zu können, hat immer eine sehr beruhigende Wirkung auf mich, aber so ganz kann ich dann eben doch nicht auf die Skurrilitäten des Wesens Mensch verzichten, die ich mir folgerichtig Tag für Tag von meiner kleinen Paralleluniversumsseifenblase mit Namen „Tunnelzelt“ auf jenem Campingplatz zu Gemüte führte.

Ich konnte aus meiner Schlafmatte einen herrlich bequemen „Lounge-Sessel“ konstruieren. Neben diesem standen die beiden Motorrad-Koffer, die mit Hilfe einer kleinen Platte den Tisch für alle erdenklichen Zwecke bildeten. Am Morgen stand dort mein frisch gebrühter Kaffe, am Nachmittag bis Abend das herrliche Bier aus dieser Gegend, vor dem Zelt ein pfiffiger Camping-Grill, verteilt im übrigen Zeltraum Kocher, Brennspiritus und andere Dinge, die man(n) nun einmal braucht. Oder auch nicht. Von diesem Idyll aus High-Tech-Fasern, Zeltschnüren, Motorrad-Koffern und diversen Stangen aus betrachtete ich das Geschehen auf diesem sonderlichen Campingplatz, als wäre es eine Reality-Show, die nur für mich gemacht worden war! Natürlich beäugten mich die anderen Platznutzer anfangs etwas argwöhnisch, ein Schweizer Nummernschild war selbst zu jenem Zeitpunkt immer noch eine absolute Ungewöhnlichkeit in jener Gegend, meine „Berliner Schnauze“ aber, die ich wohl bis an mein Lebensende nicht mehr ablegen kann (und auch nicht will), „qualifizierte“ mich gegenüber jenen Argwöhnern als „einer von ihnen“. „Ah, der Auswanderer!“, „Guten Morgen, Herr Wahl-Schweizer!“ oder auch „Ist nur eine Frage der Zeit, irgendwann kommt jeder wieder hierhin zurück“ waren bestätigende Äusserungen, welche mich jenen gegenüber nicht als „vollkommen Fremden“ erscheinen liessen. Zumindest hatte ich das Gefühl, dass man mir dort weitaus wohl gesonnener war, als beispielsweise den Reisenden aus Stuttgart oder der Kleinfamilie aus Köln, die ebenfalls zwischenzeitlich dort weilten. Das waren für die Argwöhner nun einmal „Wessis“. Aber ich, der in West-Berlin geboren war (und eben nicht in der DDR), war einer von ihnen, ich, der mit einem schweren BMW Motorrad und Schweizer Nummernschild dort im Nirgendwo aufschlug. Ungebeten. Wirklich, einmal mehr sollte ich auf jene höchst fragwürdigen Denkweisen stossen, in denen Ansässige „Ortsunbekannte“ unmissverständlich in Kategorien einteilen, die klar vorgeben, wer willkommen(er) ist und wer nicht…

Von meinem Seifenblasenidyll aus betrachtete ich manchmal stundenlang jenes sagenhaft ereignislose Treiben auf jenem Campingplatz. Gäste kamen und gingen, nur wenige hatten sich hier dauerhaft eingerichtet, aber eben jene Dauercamper definierten die Konstanten in dieser Parallelwelt. Und diese Konstanten waren nicht verhandelbar! So verliess beispielsweise – ich nenne sie mal „Mutti Pachowiak“ – immer um Punkt 7:00 Uhr am Morgen und um Punkt 17:30 Uhr am Nachmittag den Campingwagen, welcher von einem Mini-Gartenzaun umgeben war und dessen eingekerkerter Rasenbereich von ein paar obligatorischen Gartenzwergen bewacht wurde, um duschen zu gehen. Ein kleineres Handtuch um den Kopf, ein Bademantel (immer blütenweiß!), die berühmt-berüchtigten Adiletten, irgendeine Flüssigseife und zum Zwecke der Selbstverteidigung eine Schrubberbürste mit langem Griff. An Mutti Pachowiaks Routine konnte ich meine Uhr stellen! An jedem Tag lief das exakt gleich ab! Ich ertappte mich dabei, wie ich überlegte nachzuforschen, ob an den Stellen, wo sie ihre Adiletten hin zu setzen pflegte, vielleicht schon kein Grün mehr wachsen würde, so präzise war zu jeder Tageszeit ihr Gang zum Sammelduschgebilde dieses Campingplatzes! Aber der ganz grosse Witz an alledem: Sonst sah ich Mutti Pachowiak nie! Für was oder wen in aller Welt duschte sie sich eigentlich? Und überhaupt: Wie sieht die eigentlich aus, wenn die mal was anderes macht, ausser duschen zu gehen? Und was hat sie dann zur Selbstverteidigung in der Hand? Fragen über Fragen…

Konstante Nummer zwei bildete eine gediegene Kröte, ein wahres Monstrum von Amphibium, welche ich immer am frühen Morgen in meinem Vorzelt vorfand. Wie auch immer sie dort hin gelangte: Wenn ich am Morgen gedachte, mich in den Tag zu stürzen und mich aus meinem Schlafsack schälte und den Reissverschluss zum Vorzelt aufzog, linste mich jenes glänzende, dunkel-braun-grüne Tier mit seinen regungslosen Ziegen-artigen Augen an, um sich im Anschluss sehr gemächlich unter der Zeltplanenkante durchzuwürgen. Nach zwei Tagen erwarb ich dann auf einer Tankstelle in der Nähe eines jener vollkommen überteuerten Microfasertücher, um Krötens Hinterlassenschaften zu entfernen. Irgendwie fand Kröte das alles ganz toll, bis zum letzten Tag wünschten wir uns gegenseitig einen guten Morgen und ich hatte Tag für Tag einen Grund mehr, das Vorzelt auf Vordermann zu bringen. Nachdem ich frischen Kaffee aufgesetzt hatte, nicht vorher! Ich nannte sie „olle Unke“, war die Zeltkante etwas arg verschleimt, dann schon mal „Sabbersack“. Ob und welche Namen sie mir gegeben hatte, entzieht sich meiner Kenntnis.

Konstante Nummer drei war der Platzwart, der, wenn er denn mal sichtbar anwesend war, durch nichts (und damit meine ich absolut nichts!) aus der Ruhe zu bringen war. Obwohl der Mauerfall bereits einige Jahre zurück lag, strahlte seine Kleidung jenen farblos-gräulichen Charme der DDR-Textilindustrie aus, lediglich die Schuhe schienen mir neueren Konstruktionsdatums zu sein, wiesen aber ebenso praktisch keinerlei kleidsamen Charme auf. Ohne dieses Relikt aus realsozialistischen Zeiten hätte ich nie am Morgen frisch gebackene Brötchen oder am Abend mal das eine oder andere kühle Bier bekommen. Unsere Kommunikation reduzierte sich auf ein absolutes Minimum, dennoch schien mir jener Mann recht wohlgesonnen zu sein. Auch er betrachtete staunend das Schweizer Nummernschild an meinem Motorrad. Zu diesem Zwecke hatte er – und das war die Ausnahme in der Konstante – sein Reich am Eingang des Platzes verlassen. Und das machte er nur, wenn es gar nicht anders ging.

Ich verbrachte gut zwei Wochen an jenem Fleck, bevor ich mich wieder auf den Heimweg machte und mich, meine Vergangenheit und Zukunft einigermassen geordnet zurück in die Schweiz verfrachtete. Noch lange zehrte ich von der Ruhe jener Tage, jener eigenartigen Ereignislosigkeit an jenem Ort, das nahezu stoisch-unbeeindruckte Verstreichen der Zeit, welche meine tierschürfenden Gedanken ganz still und heimlich von mir nahm, diese einmalige Atmosphäre, die ich so nur im kargen Umland von Berlin bisher gefunden hatte. Aber ich freute mich trotz aller Dinge, die da noch vor mir lagen, als ich die Alpen in der Ferne wieder sehen konnte. So sehr mir meine Wurzeln in jener Zeit Ruhe spendeten, so sehr gehörte ich jene von mir gewählte andere, neue Heimat.

Noch heute werfe ich immer mal wieder einen Blick auf dieses Bild und dann strömt mir wieder leise diese ruhige Zeit entgegen und vertreibt meine Sorgen.

View All