Rückkehr

Sonderlich viel und weit bin ich bisher nicht in der Welt herum gekommen, aber die meisten Orte, die ich bereisen und erleben durfte, hatten allesamt etwas an sich, an das ich mich bis zum heutigen Tage sehr gut erinnern kann, Szenen und Momente, die fest in meiner Erinnerung eingebrannt sind. Ich zähle mich selbst zu der Sorte von Mensch, die „erreichbare“ Destinationen den „exotischen“, weit entfernten vorzieht. Ich bin auch kein „Meer“-Mensch, Berge haben mich von je her weitaus mehr fasziniert. Von allen Arten des Reisens, die ich bisher selbst absolviert habe, ist mir die mit meinem Motorrad die liebste. Ich mag die Herausforderung, mit der Maschine aktiv zusammen zu arbeiten, um ein Ziel zu erreichen, ich mag es, die Elemente zu spüren. Schwimmwesten, Notfallpläne zum Verlassen eines Flugzeuges, markierte Fluchtwege, x-tausend Knöpfe und Regler zur Einstellung eines Klimas in einem Innenraum, der sich durch eine vollkommen anders „klimatisierte“ Umgebung bewegt, all das war mir immer irgendwie zu viel, nicht notwendig. Geradezu überflüssig! Aber ich bin auch ein Mensch, der oftmals über viele Jahre hinweg mit Orten und Begebenheiten fest verbunden ist. So manch ein Mensch hat mir ein Elephantengedächtnis attestiert. Zusätzlich zu meiner fast schon extrem sensiblen und feinen Wahrnehmung.

Manchmal fahre ich an bestimmte, bereits zuvor besuchte Orte um zu sehen, ob und wie sie sich verändert haben oder wie sie zu einer anderen Tageszeit aussehen. Ja, natürlich ist es jeden Motorradfahrers Traum und „Berufung“, immer mal wieder bestimmte Alpenpässe zu fahren! Aber für mich sind das immer kleine Reisen in mein eigenes Befinden, meine Seele. Manchmal klappt die Zusammenarbeit mit der Maschine ausserordentlich gut, manchmal aber ist es auch eine Anstrengung, diese beiden Temperamente unter einen Hut zu bekommen. In jedem Falle aber ist das erreichen des jeweiligen Zieles immer eine Art Belohnung für die Mühen. Für mich ist das Reisen mit dem Motorrad die schönste Art, eine Welt zu entdecken!

Dieses Bild entstand am Totensee, auf der Spitze des Grimselpasses. Ich stand dort eine kleine Zeit und beobachtete den Sonnenaufgang. Es war nicht viel los auf den Strassen und die Parkplätze an diesem touristischen Punkt waren nahezu vollkommen leer. Ein anderer Motorradfahrer kam in der Nähe zu meinem Ruhepol zum Stillstand, bockte seine Maschine auf, grüsste tonlos aber wissend in meine Richtung, setzte sich auf den Sattel, drehte einen Joint und rauchte diesen in aller Seelenruhe. So standen wir eine kleine Weile dort und schauten auf dieses gigantische Spiel der Wolken und Farben an jenem frühen Morgen gegen Ende August. Irgendwann setzte er sich wieder in Bewegung, fuhr breit grinsend und freundlich mich verabschiedend wieder in die Richtung zurück, aus der er gekommen war. Dann wurde es sehr leise, nichts war mehr zu hören. In diesem Moment erinnerte ich mich an meine Reise nach Katalonien, den Sonnenuntergang am Ebro, den Ort, der mir so viele Jahre derart intensiv in Erinnerung geblieben war, als hätte ich ihn gerade erst gestern verlassen.

Damals war ich mit einem gemieteten Wohnmobil da unten, auch war ich nicht allein. Je öfter und länger ich mir dieses Bild vom Totensee anschaue, umso mehr reift in mir der Gedanke, dass ich nochmal an jenen für mich seinerzeit magisch wirkenden Ort in Katalonien zurück kehren muss, jetzt aber alleine und mit dem Motorrad. Ich möchte sehen, ob und was von jener Magie noch übrig geblieben ist. Ich möchte einen Blick in mich selbst werfen, wenn ich diesen Weg alleine mit meinem Motorrad antrete und das Ziel hoffentlich auch erreichen werde. Ich möchte verstehen, was mich so sehr dort hin zieht, denn wenn ich das verstehe, dann verstehe ich vielleicht ein klein wenig mehr von mir selbst.

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