Magie eines Ortes

Oft drücke ich auf den Auslöser, wenn mir eine Situation, eine Szenerie oder eine Begebenheit dazu Anlass geben, manchmal aber suche ich gezielt einen Ort mehrfach auf, um etwas einzufangen, was mich mit jenem Ort auf besondere Art und Weise verbindet. Meistens hat sich erst einige Zeit nach dem erstmaligen Aufsuchen eines bestimmten Ortes gezeigt, warum er mir wichtig erscheint oder warum er einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen hat, so auch im Falle des Sees, an dem ich vor kurzer Zeit einige Tage weilte. Ich kannte ihn bereits lange Zeit, aber erst in jenen Tagen sollte ihm eine besondere Bedeutung zukommen, die ich einfangen und fest halten wollte. Ich musste unbedingt raus aus Zürich, zu viel hatte sich in den vergangenen Wochen und Monaten zugetragen, als dass ich die Unruhe der Stadt auch nur eine Minute länger hätte ertragen können, ich musste zur Ruhe kommen. Dass es „zuviel des Guten“ ist, erkenne ich für mich selbst oft daran, dass ich kaum noch fotografiere oder es mir schlicht und ergreifend nicht gelingt, ab und an wenigstens ein paar ansprechende Bilder zu machen. In den Tagen zuvor hatte ich zwar immer eine Kamera dabei, aber nur in sehr wenigen Fällen drückte ich auf den Auslöser und in nahezu keinem einzigen Falle kam dabei etwas brauchbares oder gar ansprechendes heraus. Diese Tage des gezielten Rückzuges von der Unruhe der vergangenen Zeit und auch von ein paar ganz bestimmten Menschen, die wesentlich zu dieser Unruhe beigetragen hatten, sollten mir etwas schenken, was ich schon seit sehr langer Zeit nicht mehr erlebt und gesehen hatte: Die Magie eines ganz bestimmten Ortes.

In meiner Erinnerung sind ein paar Orte gespeichert, die ich mit sehr speziellen Erfahrungen oder Erkenntnissen verbinde, so speziell, dass ich diese Orte (soweit möglich) in grösseren Abständen immer mal wieder aufsuche um zu sehen, was ich einst dort gesehen hatte, ob es noch da ist und wenn ja, wie es sich im Laufe der Zeit entwickelt hatte. Die meisten dieser Orte hatte ich zuvor noch nie gesehen, bevor ich mit der Magie eben jener bereits beim ersten Anblick konfrontiert wurde, anders verhält es sich mit jenem See, den ich in den vergangenen Jahren immer mal wieder zu verschiedenen Jahreszeiten besucht hatte, manchmal allein, manchmal in Begleitung. Obwohl dort an jenem See in den vergangenen Jahren diese oder jene Erinnerung entstanden ist, die mich mit dieser oder jener ganz bestimmten Situation, einem oder mehreren Menschen verbindet, sollte erst jetzt etwas passieren, was jenen Platz für mich immer zu einem aussergewöhnlichen machen wird – und nein, was genau sich dort in mir abspielte, tut nichts zur Sache und bleibt meins. Es war eine Mischung aus einer sehr besonderen Erfahrung und vor allem einer Erkenntnis in einem Moment, den ich ohnehin sehr liebe: Den Übergang vom Tag zur Nacht, also dem Moment, wo sich die Wahrnehmung langsam aber stetig von den Augen mehr zu den anderen Wahrnehmungssinnen verlagert, eine Wandlung von einer Welt zu einer anderen, ein Wechsel, ein Ende und ein Neubeginn – und das alles an einem Ort, der sich selbst in jenen Tagen an sich – abgesehen vom Wetter und dem Licht – kaum veränderte, nahezu gleich blieb. Ich befand mich mitten in diesem Wandel und in ihm durfte ich etwas sehen, was nur ich verstand – und auch nur ich sehen durfte und konnte. Allein schon deshalb ist es mir nicht möglich zu erklären, was es war, es gibt Dinge, die man nicht in Worte fassen kann.

In jenem Moment hatte ich ganz entgegen meiner Gewohnheit keine Kamera dabei – und das war auch gut so. Vielleicht hätte ich sonst nicht mit Kopf und Augen vollumfänglich gesehen, was mir da geschenkt wurde. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als dieses Bild, diesen Moment, jene besondere Erfahrung und Erkenntnis ohne jede Hilfe von Technik in meinem Kopf zu speichern. Bald darauf aber fing ich ein paar weitere Momente ein, die diesem Erlebnis den angemessenen Rahmen verleihen, die Magie jenes Sees, die nur ich in jenem Moment spürte und sah, zu umfassen und zu beschreiben. Sicherlich werde ich diesen für mich so besonderen Platz ab und an wieder aufsuchen. Und immer werde ich dabei jenen Moment wieder vor Augen haben, ohne von ihm ein gedrucktes oder digitales Bild zu besitzen, sondern nur dieses eine in meinem Kopf.

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