Kalter Morgen

Es war ein sehr kalter Morgen in jenem Frühjahr. Wenige Tage zuvor war ich im Freiburger Land angekommen, wollte hier um das malerische Örtchen Gruyere herum ein klein wenig die Welt entdecken, die Seele baumeln lassen. Meine Kleidung, die noch über der Stuhllehne hing, roch noch deutlich nach dem Fondue, welches ich am Abend zuvor in einem anderen Ort genossen hatte. Das „Restaurant“ dort machte mehr den Eindruck einer Fernfahrerkneipe, aber das passte für mich, ich mag ab und an auch mal das eher einfache, nicht ganz so klinisch reine Ambiente solcher Etablissements – und das Fondue war sehr gut, ich hatte noch keinen Bedarf nach Frühstück, als ich noch im Bett lag und zum Fenster schaute, durch welches ich die allerersten Sonnenstrahlen sah, die über die nahe gelegene Bergkette brachen. Die Temperaturen schienen diese Strahlen zu Lichtnadeln gefrieren, nichts deutete darauf hin, dass es an jenem Tag ein klein wenig wärmer werden würde. Langsam füllte sich der Raum mit jenem eigenartigen kalten Licht, welches man nur an ganz bestimmten Wintertagen beobachten kann. Ich stand auf und ging zum Fenster, betrachtete das Wolkenmeer, durch welches sich die Nadeln bohrten. Langsam tauchten die Bergkanten aus der Dunkelheit auf. Mein Atem beschlug an der Fensterscheibe.

Auf dem Dorfplatz unter meinem Fenster tat sich nichts. Keine Strassenlaterne leuchtete. In der Ferne fuhr ein Auto vorbei, nur schwach hoben sich die roten Rücklichter von der Umgebung ab. Die Abgaswolke war verschwindend klein, die Kälte schien sogar die heissen Motordämpfe innerhalb kürzester Zeit tiefzukühlen. Irgendwo im Hotel knarzten kurz ein paar alte Dielen, dann war wieder Ruhe. Ich stand noch eine ganze Weile am Fenster und schaute hinaus, hin und wieder warf ich einen Blick in das schön eingerichtete Zimmer, in dass sich ein paar wenige kalte Lichtnadeln verirrt hatten und die Einrichtung in eine unwirkliche, erstarrte Atmosphäre tauchten. Alles erschein mir verlangsamt, fast schon erstarrt und obwohl alles den herrschenden Winter unterstrich, war mir nicht kalt. Als ich wenig später das Hotel verliess, um auf Entdeckungsreise zu gehen, atmete ich die kalte Luft ein. Es stach etwas in meiner Lunge und in meiner Nase knisterte es. Langsam erwärmte sich das Sonnenlicht und die Strahlen stachen in meine Haut, kalt und warm zugleich. Das ganze Leben um mich herum schien zum Stillstand gekommen zu sein und nur einen einzigen, sehr langsamen Herzschlag an jenem Tag machen zu wollen.

Wie in Zeitlupe. Nur schöner.

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