Irreführung

Hier nun mal ein Beispiel dafür, dass Betrachter unter Umständen etwas ganz anderes sehen, als ich, beziehungsweise etwas in ein Bild hinein interpretieren, was da nicht zu sehen ist und / oder so von mir gar nicht fest gehalten werden sollte. Im Rahmen meines Berufes fotografiere ich hin und wieder Menschen aus der Bevölkerung Zürichs, die in gewissem Sinne einzigartig, besonders, anders oder was auch immer sind. Jener Mann dort ist einer derer, die ich unbedingt mal vor die Linse bekommen wollte. Es handelt sich um einen sehr alten Mann, der vor allem dadurch auffällt, dass er sehr laut schimpfen und fluchen kann, weiterhin erkennt man ihn immer sofort daran, dass er stark gebeugt geht, so stark, dass er kaum seinen Kopf auf Horizontalebene anheben kann. Lediglich, wenn er in Tram oder Bus sitzt, dann befindet er sich sozusagen „auf Augenhöhe“. Ich habe diesen Mann schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen, vielleicht ist dieses Foto das letzte Zeugnis davon, dass es jenen Mann überhaupt gab. Man hat ihn nie in Begleitung gesehen, auch schien er mehr am Rande der Gesellschaft gestanden zu haben. Er legte auch sehr viel Wert darauf, sich von seiner Umwelt durch die bereits erwähnten Schimpftiraden abzugrenzen, die, gemessen an der Schmächtigkeit jenes alten Menschenkörpers, erstaunlich voluminös waren. Er verschaffte sich Gehör. Egal, ob man das nun hören wollte oder nicht. Aber darum geht es nicht in diesem Beitrag.

Als ich jenes Bild zum ersten Male veröffentlichte, geschah genau das, was ich immer im Hinterkopf habe, wenn ich eine bestimmte Art von Strassenfotografie betrachte. Zahlreiche Betrachter interpretierten dieses Foto dahin gehend, dass die Frau, welche im Bild aufgrund ihrer schnellen Bewegung unscharf zu sehen ist, jenem (vermeintlich) schwächlichen Mann beim Überqueren der Strasse behilflich sein wollte. Ich erntete sogar Lob dafür, dass ich diese „Begebenheit“ so deutlich, so ganz und gar nicht falsch interpretierbar abgelichtet hatte, ganz frei nach dem Motto: „Zürichs Bevölkerung ist eben doch nicht arrogant, sondern hilfsbereit“. Nun, so ist aber dieses Foto nicht entstanden, das war gar nicht meine Intention und ganz nebenbei angemerkt geschah alles andere, als man es meinen sollte.

Wie bereits erwähnt wollte ich diesen Mann überhaupt ablichten, sprich: Ihn in ein Foto bannen. Man hat ihn nicht jeden Tag in Zürichs Stadtbild gesehen, meistens war es zumindest für mich blanker Zufall, dass er meinen Weg kreuzte, so auch an jenem Tag, als er am Limmatplatz in grösserer Entfernung auftauchte. Also zückte ich die Kamera und drückte den Auslöser in der Hoffnung, dass überhaupt ein verwertbares Bild dabei heraus kommen würde, die „Arbeitsbedingungen“ waren alles andere als ideal. Es entstanden an die 7 oder 8 Bilder, aus denen ich bewusst und absichtlich dieses auswählte – ich ahnte bereits, wie der Bildinhalt interpretiert werden würde: Eine Frau eilt einem alten Mann zu Hilfe. Aber so war es nicht! Wenn man jenen Mann nur ein klein wenig gekannt hätte, so wüsste man, dass jener Herr sich von niemandem bei was auch immer hätte helfen lassen, zahlreiche Versuche anderer Menschen dieser Art verstand er mit lautstarken Tiraden und für sein Alter erstaunlich derben Bewegungen zu unterbinden. Ganz abgesehen davon lag es der Frau mitnichten daran, jenem Mann zu helfen, sie rannte an ihm vorbei. Ist in diesem Bild nicht zu sehen, sondern in zwei weiteren, hier nicht gezeigten, aber das spielt keine Rolle. Sie müssen sich schon auf das verlassen, was ich Ihnen hier mitteile. Ganz so, wie Sie sich auf das verlassen können, was wahrscheinlich auch Sie in dieses Bild hinein interpretiert haben. Anfangs.

Es kann zuweilen sehr irreführend sein, was ein Bild zeigt. Und genau das habe ich immer im Hinterkopf, wenn ich ein Bild betrachte. Auch meine eigenen.

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