Chur

Ich mag die gemalten Bilder des amerikanischen Künstlers Edward Hopper. Seine Werke wirken manchmal etwas entrückt, unnatürlich überrealistisch, vor allem aber wirken viele von ihnen auf mich, als seien sie frei von jeglichem Leben, obwohl hin und wieder Menschen in ihnen zu sehen sind. Ich kann mir seine Werke stundenlang anschauen und manchmal habe ich das sehr seltene Glück, ähnliche Szenerien in meiner Umgebung zu entdecken, so auch in Chur. Ich streunte zu später Stunde durch das alte Zentrum dieser wunderschönen Stadt und blieb an der gezeigten Ladenpassage hängen. Normaler Weise interessieren mich beleuchtete Schaufenster wenig, hier aber verlieh die Figur im Fenster links von der Eingangstür jenem Bild eine eigenartige Lebhaftigkeit, als sei in dem Moment, in dem meine Augen diesen Anblick entdeckten, alles schlagartig eingefroren worden. Die Mischung zwischen Altstadt und knallbunter Neongestaltung der Eisdiele, sowie dem alten Geschäft daneben gaben all dem eine zeitlose Widersprüchlichkeit, die im Laufe vieler Jahre sich an sich selbst gewöhnt zu haben schien. Es war in jenem Moment auch kaum ein Mensch in meiner Nähe, ich fühlte mich, als sei ich ein Teil von einem Bild, welches Hopper einst gemalt hatte, der einzige überrealistische und lebendige Teil einer ansonsten leblos erscheinenden Nachtszenerie in einer Stadt. Ich liess diesen Anblick länger als sonst üblich auf mich wirken und stellte mir vor, wie Hopper wohl gerade mich mit seinem Pinsel auf der Leinwand seiner Sichtweise verewigte.

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