Grenzgang

Manchmal setze ich mich auf mein Motorrad und fahre einfach los, kein konkretes Ziel vor Augen, einfach entdecken, was an mir vorbei rauscht. Und dann gibt es bei jenen Reisen diese Momente, die mich vollkommen aus der Bahn werfen, den Rausch beenden, einen anderen Sinn in meinem Kopf ansprechen und heraus fordern. Ich bin mit Grenzen aufgewachsen, ich musste noch nicht einmal mehr als 40 Minuten mit Verkehrsmitteln der öffentlichen Betriebe von Berlin fahren, um an solche zu stossen, egal, in welche Himmelsrichtung ich mich bewegte. Berlin war durchsetzt von Relikten des zweiten Weltkrieges und des kalten Krieges, überall Luftschutzbunker, Grenzen, nicht verhandelbare Endpunkte von was auch immer. Seit ich denken kann lösen solche Relikte und Grenzen etwas in mir aus, sie erschienen mir immer als absurd, kontraproduktiv, dem entgegen wirkend, was für mich ganz persönlich unabdingbar ist, um solche Grenzen, Relikte und Schutzräume zu verhindern: Das Zusammentreffen von Menschen, der Austausch zwischen ihnen. Nicht ihre Abgrenzung. Aber wie das mit dem Menschen nun einmal so ist: Zuweilen ist es eine physisch wahrnehmbare Grenze, die eine vermeintliche Sicherheit implementiert, ein Bauwerk, sei es zum Angriff oder zur Verteidigung, die trügerische Sicherheit der Errungenschaften menschlicher Fähigkeiten, solche Konstrukte zu erschaffen, wie dieser Bunker, der sich in der Nähe von Leibstadt auf Grund und Boden der Schweiz befindet. In der Nähe des „jüngsten“ Atomkraftwerkes der Schweiz. Seinerzeit sollte jener Bunker neben zahlreichen anderen Konstrukten vergleichbarer Art die Invasion der Deutschen Wehrmacht im zweiten Weltkrieg zumindest bremsen. Diese Gegend ist geradezu gespickt mit diesen Betonklötzen! Nichts von wegen Schweizer Alpenromantik! Nix Skipiste, Fondue, Heidi, Swiss (Air), Swatch, Chevrolet, Chalet, Bahnhofstrasse und dergleichen! Kriegerische Tristesse in Reinform und garantiert in kaum einem Reiseführer erwähnt! Hinterlässt man auf Instagram oder anderen Plattformen den Namen einer bekannten Schweizer Stadt, so wird einem immer die Auswahl jenes Namens angeboten: Einmal nur der blanke Name, das andere Mal der Name mit dem Symbol der Schweizer Flagge daneben. „Leibstadt“ wird bis jetzt nur ohne Schweizer Flagge angeboten. Es erscheint fast so, als würde dieses Gebiet nicht gerade als geliebtes Kind erscheinen und nur die Funktion erfüllen, abzugrenzen. Mehr nicht. Auch wenn man so wie ich nicht einen gewissen Sinn für zuweilen extrem anmutende Skurrilitäten hat, so würde es selbst für meinen Geschmack herzlich wenig Sinn machen, ausgerechnet hier einen Urlaub zu verbringen. Aber das sind meine Empfindungen…

Das andere Menschen offensichtlich nicht so empfinden, wie ich, kann kaum ein Bild besser ausdrücken, als das hier gezeigte. Da steht ein Bunker, einst gedacht, um die Deutsche Wehrmacht vom Territorium der Schweiz fern zu halten. Rechts daneben eine Anlege-Stelle und der Rhein (eine ganz natürliche Grenze), auf der anderen Seite Deutschland und ein paar wirklich sehr malerische und schöne Ortschaften. Kein einziger Bunker, keine Beton-Wand, kein sichtbares Attest dafür, dass in der Mitte des „deutschesten aller deutschen Flüsse“ (obwohl der Rhein noch nicht einmal in Deutschland entspringt, diese Aufgabe übernimmt die Donau, aber die ist irgendwie nicht „deutsch“ genug, vielleicht durchfliesst sie zu viele Länder, um als Nationalgut gedeutet werden zu können…) die Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland verläuft. In Sichtweite das Atomkraftwerk, welches sich im Zweifelsfalle genau so verhalten würde, wie das von Tschernobyl im weit entfernten Russland: Solche Dinger kennen keine Grenzen, bleiben aber mindestens genau so lange „schädlich“ wie die Grenzen, die einst ganze Staaten „schützen“ sollten. Gut, der Bunker wurde weitaus früher gebaut, als das Atomkraftwerk in Leibstadt, diese beiden „Errungenschaften“ menschlicher Schaffenskraft haben keinen offensichtlichen direkten Zusammenhang, sondern bedingen allenfalls einander, verdeutlichen, was die Hinterfragung von vorhandenen Grenzen allenfalls ermöglicht (nämlich den Bau eines Atomkraftwerkes in direkter Nähe zu einem Staat, der zu Zeiten des kalten Krieges von einem ganz anderen Staat innerhalb von NullKommaNix dem Erdboden gleich gemacht worden wäre, wenn da jemand seine Finger nicht still gehalten hätte). Als wäre allein schon dieses Gesamtbild nicht schon fragwürdig genug, so war es nicht der Bunker oder das in der Nähe befindliche Atomkraftwerk, nicht mein in der Nähe befindliche „Heimatstaat“ und nicht die Absenz von vergleichbaren Errungenschaften in Sichtweite dort in meinem Heimatstaat, was mich irritierte, mir die Absurdität dieser Gegend kaum hätte deutlicher vor Augen führen können:

Es war die Grill-Stelle, die eine in der Schweiz sehr bekannte Institution einst dort platzierte! In direkter Nähe zu einem Bunker und in Sichtweite eines Atomkraftwerkes. Solche Konstrukte können nur einem Menschenhirn entspringen!

Aber gut, das sind meine Empfindungen. Nichts und niemand hätte mich dazu bewegen können, hier zu grillieren, mit anderen Menschen, egal, woher auch immer sie kommen würden! Andere haben das aber offensichtlich nicht so empfunden. Zahlreiche leere Bierdosen und -flaschen eines deutschen Erzeugers waren um jenen Schweizer Grill-Platz verstreut. Bier ist in Deutschland billiger. Und Deutschland ist nicht weit entfernt. Diese Erkenntnis hat die ehemalige Funktion des Bunkers weit überdauert. Und sie wird die des Atomkraftwerkes auch überdauern, egal, wie strahlend die Zukunft Deutschlands oder die der Schweiz in dieser Region der Welt auch sich entwickeln mag. Der Mensch ist nicht nur ein Meister darin, Grenzen entstehen zu lassen und diese zu verdeutlichen. Er ist auch ein Meister darin, solche Konstrukte ad absurdum zu führen. Ich drückte auf den Auslöser und begab mich danach zu der bereits erwähnten Anlegestelle, machte ein Bild vom Rhein. Für einen Moment überlegte ich, der für diese Anlegestelle zuständigen Schweizer Gemeinde den Vorschlag zu machen, die Aufschrift des Schildes abzuändern, lediglich drei Worte mehr würde ich vorschlagen: „Herzlich willkommen in Etzgen im sonnigen Mettauertal“. Den ortsbezogenen Reiseführer (der überhaupt erst noch geschrieben werden müsste)  würde ich obendrauf noch um ein paar Zeilen erweitern (wenn er denn jemals geschrieben werden sollte): „Hier können Sie Fleisch geniessen! Egal, ob verstrahlt oder vor Jahrzehnten mit Stresshormonen aufgrund eines drohenden Krieges mit Deutschland durchsetzt, diese besondere Atmosphäre hier im sonnig-strahlenden Mettauertal wird Ihnen ein einzigartig absurdes Erlebnis bescheren, für welches sie sonst in Regionen fahren müssten, in die selbst sie sich als weltoffener Mensch aller Wahrscheinlichkeit nach noch nicht trauen würden.“

 

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