Freiheit

Ich kann meine „Heimat“ aufgrund meines Berufes naheliegender Weise nicht oft besuchen und ehrlich gesagt liegt mir auch nicht viel daran, Berlin öfters wieder zu sehen, als nötig, zu wenig verbindet mich noch mit dieser Stadt, zu viel hatte sich verändert, seitdem ich sie für eine andere Zukunft verliess. Auf einer dieser Reisen stattete ich dem so genannten „Mauerpark“ einen Besuch ab. Der „Mauerpark“ ist im Grunde genommen nichts anderes, als einer der sehr kläglichen Überreste der Deutschen Teilung, einzelne Betonwände der inneren Mauer um West-Berlin herum, überzogen mit zahlreichen Kunstwerken, Sprühereien und anderem Gekritzel. Die Deutschen haben ein höchst eigenartiges Verständnis davon, wie sie mit ihrer eigenen Geschichte umgehen, insbesondere in der letzten Zeit. Von der ursprünglichen Funktion dieser Betonwände war nur wenig zu erahnen, sie dienten mehr als touristische Attraktion, denn als Mahnmal an das, wozu Menschen auch in der Lage sein können. Auf einer jener Wände prangte ein Spruch:

Du hast gelernt was Freiheit heisst und das vergiss nie mehr

Wie ich in der sehr trockenen, fast schon staubgeschwängerten und sehr heissen Sommerluft Berlins vor jenem Mauerstück stand und jenen Spruch betrachtete, wanderten meine Gedanken zurück in meine eigene Vergangenheit. Ich erinnerte mich nicht an die Mauer an sich, schliesslich war ich umgeben von dieser in Berlin geboren worden, bin mit ihr aufgewachsen, konnte mich noch sehr gut an die Mühen erinnern, wenn es galt, diese zu „überwinden“, wenn wir zum Urlaub in die „westlich-demokratische“ Welt reisen oder aber die Verwandtschaft im Osten des damals geteilten Landes besuchen wollten. Eigenartiger Weise verband ich den Begriff „Freiheit“, obwohl er auf einem Relikt der Deutschen Teilung hinterlassen worden war, nicht unmittelbar mit dem Fall der Mauer, sondern mit sehr persönlichen Erfahrungen ganz anderer Art.

Relativ kurz nach dem Fall eben jener begann meine Loslösung von meiner Familie. Obwohl ich mich nicht militant und trotzig von ihr lösen wollte, so wurde mir doch langsam bewusst, dass ich meine eigenen Ansichten zu verschiedenen Dingen entwickelt hatte, meine Moralwerte, meine Weltanschauung und meine Ansichten andere als die zum Beispiel meiner Eltern waren. Ich musste zum ersten Male feststellen, dass die Generation meiner Eltern bestimmte Dinge nicht mehr verstehen konnte, weil sie sie nie kennen gelernt hatte. Es tat sich leise aber unaufhaltsam ein Verständnisgraben auf und es entwickelten sich zwei Welten, die lange Zeit nichts oder nur sehr wenig voneinander wussten. Wie es nun einmal manchmal so gehen kann, trafen diese zwei Welten eines Tages aufeinander, aus dem Graben entstand schlagartig ein unüberwindbarer Riss, der sehr viele Jahre bestehen blieb. Wie die Mauer um Berlin, von der bis zu ihrem Fall nur wenige glaubten, sie würde jemals verschwinden. Von einem Tag auf den anderen war ich „frei“ von der Prägung durch meine Eltern. Aber zu was für einem Preis? Die Verbindung war vollends abgerissen, die zwei Welten hatten sich in zwei weit entfernte Universen zurück gezogen.

Es folgten einige für mich sehr schwierige Jahre, aber ich lebte im Rahmen meiner Möglichkeiten relativ gut, weitaus besser, als es heutzutage Menschen in vergleichbaren Situationen in Berlin erdulden müssen. Ich sollte zum ersten Male begreifen, was es bedeutet, ohne irgendeine Unterstützung ganz auf mich allein gestellt einen Lebensweg einzuschlagen, vollkommen unabhängig, aber eben auch in keiner Art und Weise unterstützt, auf eigenen Beinen zu stehen. Ich musste mir alles selbst erarbeiten und hatte in jenen ersten Jahren praktisch niemanden, dem ich meine Sorgen anvertrauen konnte, auch die musste ich weitestgehend allein verarbeiten. Zwar gab es zahlreiche Momente, in denen ich daran zweifelte, ich würde diese ersten Jahre schadlos überstehen, aber nicht eine einzige Sekunde zweifelte ich daran, dass dieser harte Schnitt zwingend notwendig war. Ich sollte aber auch begreifen, dass es eine „Freiheit“ – sollte es eine solche überhaupt im Bedeutungssinne des Wortes an sich geben – nie ohne Opfer zu erlangen ist, tiefe Einschnitte, sehr schmerzende Verluste und vor allem eine vollständige Infragestellung der Werte, an denen ich mich selbst bis zu jenem Zeitpunkt orientiert hatte. Ein Rückzug in eine von sozialen Kontakten und übermittelten Werten befreite Welt, ist keine Freiheit, das ist selbstgewählte Isolation. Freiheit wurde für mich in jenen Jahren das Symbol für eine selbstbestimmte Lebensweise, die ohne andere Menschen und Werte nicht kann und will, sich aber auch gegen jene zur Not zur Wehr setzen kann, um die eigene Selbstbestimmtheit zu bewahren. Ich sollte begreifen, dass Freiheit nicht Unabhängigkeit bedeutet, beziehungsweise das, was die meisten Menschen unter jenem Begriff verstehen, unmöglich umzusetzen ist. Ausser, man spaltet sich rigoros und kategorisch von allem ab, was jener Selbstbestimmtheit Schaden zufügen könnte.

Wie ich da vor jenem Mauerstück stand und die Buchstaben betrachtete, erinnerte ich mich an jene Jahre zurück. Wer auch immer jene Phrase an der Betonwand hinterlassen hatte, ich hätte jenem Menschen gerne leise gesagt:

„Ja, ich habe gelernt, was Freiheit heisst. Und das werde ich sicherlich nie mehr vergessen.“

View All