Ein düsterer Mann

Irgendwann im Herbst vergangenen Jahres stolperte ich auf einem meiner Streifzüge mit der Kamera durch Zürich über eine Art Werbe-Aushang der so genannten „Herzbaracke“. Die „Herzbaracke“ ist eine Art Hausboot, die zu bestimmten Zeiten im Verlaufe eines Jahres im Herzen von Zürich am Bellevue anlegt, eine schwimmende Varieté-Bühne, in welcher bei sehr gutem Essen und Wein Darbietungen aller Art statt finden. Ich stöberte kurz darauf im Veranstaltungskalender dieser schwimmenden Bühne und wurde fündig: Ein Abend mit den grossen Chansons des Meisters seines Metiers Jacques Brel. Ich musste nicht lange überlegen, ich wollte das sehen! Ich wusste zwar nicht so ganz, was mich erwarten würde, aber ich zögerte nicht lange und bestellte zwei Karten. Bei sehr nasskaltem Spätherbstwetter gingen wir zu jener schwimmenden Bühne und betraten mit Überquerung des Steges eine regelrechte Parallelwelt zu dem mir ansonst bekannten Zürich. Alles hier erinnerte mich an die Schilderungen von Berthold Brecht über das Berlin der goldenen zwanziger Jahre, an die Bilder von George Grosz, die mir mein Vater nahe gebracht hatte: Wild, ungezähmt, voller Luft und Licht, vergänglich, moralisch definitiv nicht einwandfrei, fast schon schwül anmutend, aber sehr menschlich, warm, bekannt, vertraut. Ich fühlte mich auf Anhieb wohl, das war und ist meins, diese Gegensätze! Da draussen das kalte Zürich, viel Beton, Nässe, die bis auf die Knochen kriechen kann, keinerlei menschliche Nähe, keinerlei Frivolität, schweizerische Anständigkeit und Diskretion, die immer noch den Mythos des Bankengeheimnisses als die urschweizerischste Tugend von allen hoch hält, obwohl dieses Geheimnis schon lange keines mehr ist. Und dann dieses Hausboot, alles Holz, viel warmes Licht, alles, was ein Menschengeist zum Wohlfühlen braucht: Sehr, sehr viel Seele! Sehr ansehnliche Servierdamen fegten mit ihren Kleidern durch den Raum, jeden Kontakt mit den ebenso anwesenden Vertretern des anderen Zürichs wohlweislich so gut es ging vermeidend. So ist auch dieses Bild entstanden und es bedeutet mir viel, obwohl es unscharf ist. Unschärfe, die Abwesenheit von Schärfe ist wohl das, womit man die gesamte Szenerie am besten beschreiben konnte, ein einziges grosses Verschwimmen, sich selbst auflösen in dem, was ein Mensch an Träumen und Wünschen in sich trägt.

Wir genossen einen sehr schönen Abend bei einer Flasche wirklich vorzüglichen Weines, der seinen Preis allemal Wert war, lauschten den eindrucksvoll vorgetragenen Werken des Grossmeisters des Chansons. Der Abend neigte sich dem Ende zu und wir machten uns parat, wieder die kalte Welt jenseits des Landungssteges zu betreten. Zuvor galt es, noch die entstandenen Kosten zu begleichen, also traten wir an den dafür vorgesehenen Tresen, hinter welchem der Mann stand, der all das am Leben hält. Ein hoch gewachsener Mensch, der trotz seines inzwischen hohen Alters immer noch nahezu kerzengerade geht, viel weisses Haar, sehr eigene, aber elegante Kleidung, eine durch und durch feingeistig wirkende, eher leise auftretende Erscheinung mit kleinen, aber sehr funkelnden Augen. Wir zwei waren offensichtlich irgendwie „anders“, allein in Bezug auf Alter und Auftreten unterschieden wir uns deutlich vom Rest des Publikums dieses Abends. Insofern wunderte es mich nicht, dass dieser Mann uns, der er sicherlich schon unzählige Menschen zu Gesicht bekommen hatte, ein klein wenig länger in Augenschein nahm, als das sonst für ihn vielleicht üblich war. Er war sichtlich beeindruckt von meiner Begleitung, aber dann schaute er mir für weniger als eine Sekunde direkt in die Augen und auch irgendwie in mich. Für diesen Zeitraum, der kürzer war, als ein Augenblick, war ich ich allein mit jenem Mann, den ich nie zuvor gesehen hatte, den ich nicht kannte, mit dem ich nie zuvor ein Wort gewechselt hatte (ich hatte aber sehr wohl bemerkt, dass er im Verlaufe des Abends uns ab und an kurz in Augenschein genommen hatte). Mit seinen funkelnden Augen schaute er mich an:

„Ein düsterer Mann.“

Ich nahm das an, kommentierte es nicht weiter, fragte nicht nach. Es gibt Dinge, die ich so stehen lasse, wie sie sich mir zeigen. Da stand dieser Mann vor mir, der viele Arten von Licht kannte, der mit Licht umgehen konnte und Licht verstand. Er sah das Licht meiner Begleitung und meines. Er drückte uns zwei Dinge in die Hand, ohne weitere Worte. Ein winzig kleines Kaleidoskop und eine Ein-Rappen-Münze. Raten Sie mal, wem er was davon in die Hand drückte.

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