Die junge Frau

Es war ein recht warmes, fast schon sommerliches Frühjahr. Ich zog ziellos mit meiner Kamera durch Zürich und auf diesem Weg auch einmal mehr durch die Bahnhofstrasse, dem Boulevard der Eitelkeiten von Zürich, wenn nicht von der gesamten Schweiz. An der Tram-Haltestelle „Rennweg“ bezog ich Position, um mit meinem Lichtgewehr ein paar Passanten abzulichten, als mir jene junge Frau auffiel. Sie stand auf der gegenüber liegenden Seite der Haltestelle, wartete auf ein Tram, welches sie in Richtung See, Wollishofen oder Hottingen bringen würde. Sie trug ein schlichtes, sehr elegantes, leichtes und helles Kleid mit ein paar wenigen dekorativen Elementen, das Tageslicht liess auch ihre Unterbekleidung ein wenig erahnen – ein wenig, nicht gänzlich plump, wie das heute so „üblich“ ist, aber das war es nicht, was mir gesondert auffiel. Sie hatte nichts in ihren Händen! Keine Handtasche! Ich konnte auch sonst keine „Aufbewahrungsmöglichkeit“ an ihrer Kleidung ausmachen, aber sie hatte auch nichts dabei, was irgendwie hätte aufbewahrt werden müssen. Noch nicht einmal ein Handy. Sie unterschied sich noch in einem ganz anderen Punkt von so ziemlich allen Menschen, die zu diesem Zeitpunkt in der Bahnhofstrasse unterwegs waren. In der Zeit, in der sie auf ihr Tram wartete – und das waren immerhin gute zehn Minuten – bewegte sie sich keinen Millimeter vom Fleck weg. So, wie auf dem Bild zu sehen, stand sie da, sie trat noch nicht einmal von einem Fuss auf den anderen oder veränderte die Haltung ihrer Arme. Lediglich zwei Mal drehte sie ihren Kopf leicht in die Richtung, aus der ihr Tram kommen sollte. Wie sie da so derart selbstkontrolliert stand, wirkte sie auf mich wie ein Ruhepol in dem Gewimmel der Einkausmeile Bahnhofstrasse, ihr Anblick wirkte auf mich sehr in sich selbst ruhend. Ein sehr seltener und schöner Anblick für meine Begriffswelt.

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