Der Streuner

Es war heiss, sehr heiss an jenem Tag. Kein Einwohner liess sich auf den Strassen blicken, sowas machen nur dumme Touristen, wie ich es einer in jenem Moment war. Ich wollte diesen Ort entdecken, liess mich von den Strassen und Gassen ziehen und treiben. Hier und da konnte ich an den Mauern und Holztüren erkennen, dass es vor nicht allzu kurzer Zeit hier ein Hochwasser vom nahe gelegenen Fluss gegeben haben muss. Es war eine Ortschaft, die vom Weinanbau lebte, entsprechend roch es aus mancher Toreinfahrt nach dem typischen Gemisch aus dem Holz der Fässer und der Weinsäure. Im Vorbeigehen an einer jener Toreinfahrten bemerkte ich eine Bewegung. Ich blieb stehen und schaute auf die schmale Öffnung zwischen den beiden Torflügeln, wo zunächst nur die Dunkelheit der Toreinfahrt dahinter zu sehen war. Dann löste sich aus dieser Dunkelheit ein kleines Fell-Ohr und ein grosses, rundes Auge. Eine Katze schaute zu mir herüber, ein kleiner Tiger.

Mit diesem einen Auge schaute sie mich an, neugierig, aber auch sehr vorsichtig. Die kleinste Bewegung von mir liess das pelzige Augen-Ohren-Ding in der Dunkelheit verschwinden, nur um kurz darauf vor lauter Neugier wieder zu erscheinen und mich zu fixieren, vollkommen unbeeindruckt von der restlichen Umgebung. So standen wir eine kleine Weile da und betrachteten einander aus sicherer Distanz. Ich gab einen leisen Zischlaut von mir, der Tiger antwortete mit diesem typischen tonlosen, nicht hörbaren Miauen, lediglich der kleine Kiefer bewegte sich. So hielten wir für ein paar Minuten einen Schwatz, der Tiger in der angenehmen Kühle der Toreinfahrt und ich in der sengenden Sonne. Aus sicherer Entfernung eine Begegnung zwischen Mensch und Tier.

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