Der Stollen

Mehr durch Zufall landete ich am Eingang der Aareschlucht, eigentlich wollte ich noch ein paar Kilometer auf meinem Motorrad abreissen, als ich das Hinweisschild entdeckte und mich zu einem anderen Weg entschloss. Ich bezahlte die Eintrittsgebühr zu diesem Naturwunder und lief den vorgegebenen Weg ab, fotografierte dieses Wunderwerk aus verschiedenen Winkeln, staunte über das, was die Natur in Millionen von Jahren geschaffen hatte. Auf besondere Weise hängen geblieben bin ich aber einmal mehr an etwas, was Menschen in vergleichsweise geradezu nichtiger Zeit geschaffen hatten: Dem Stollensystem, welches parallel zu jener Schlucht in den Fels getrieben worden war. So schön die Felsformationen geschliffen von einem Fluss auch waren, aus einem im ersten Moment nicht nachvollziehbaren Grund blieb ich an einer bestimmten Stelle in jenem System länger stehen, lauschte gut zwei bis drei Minuten auf die Akustik, hörte den Wiederhall des Rauschens der Aare und das Platschen der Wassertropfen von der Stollendecke, die auf den Boden fielen, erforschte das Licht, aus verschiedenen Perspektiven, hörte meinen eigenen Atem, war mit mir und dem geformten Stein um mich herum allein, spürte die Feuchtigkeit des Gesteins in meinem Atem, liess das gelbe Kunstlicht hinter den durch Gitter geschützten Lampen auf den Stein wirken. Ich betrachtete dieses eigenartige Bühnenbild lange, bevor ich die Kamera zur Hand nahm und jenes Foto machte. Irgendetwas hielt mich genau an jenem Punkt fest.

Ich lehnte mich an die Felswand, um die Kamera ruhig genug zu halten, meine Motorradjacke schützte mich vor der Kälte des nassen Gesteins. Ich peilte im Sucher der Kamera den mir richtig erscheinenden Punkt an und drückte ab. Ich stand noch eine Zeit lang da im Tunnel, kein Mensch war in meiner Nähe. Meine Gedanken gingen auf eine Wanderung, eine durch diesen Stollen gelenkte Wanderung zum Licht am Ende des Stollens hin. Während das Licht wie ein Staubsauger meine Gedanken durch den Schlauch dieses Stollens in die vor mir liegende Zukunft saugte, blieb mein Körper in jenem Stollen verwurzelt, er wollte nicht von dort weg, wo er gerade stand. „Was für ein Sinnbild meiner selbst!“ dachte ich bei mir. Während meine Gedanken geradezu unablässig irgendwo hin schweifen, wandern, entdecken, Neues sehen und vor allem begreifen wollen, will das, was diese Gedanken hervor bringt, nicht von dort weg, wo es gerade ist. Wie eine Art Brückenschlag zwischen Geist und Körper, gelenkt durch einen von Menschenhand geschaffenen Stollen. Ich mochte von je her Tunnel, Stollen, lange Tordurchfahrten, Labyrinthe – auch sehr den so genannten Tunnelblick, bei dem um einen fest fixierten Punkt herum alles in Bewegung ist. Ich fühle mich durch sie nicht beengt. Sie weisen mich immer wieder darauf hin, dass sie eine Art Übergang zwischen dem physischen hier und dem anderen da, andererseits aber auch zwischen dem psychischen hier und dem anderen da sind, sich selbst permanent verändernde Wege um ein- und denselben fixen Ort herum. Es wirkt manchmal auf mich so, als wären die beiden in einem Menschen untrennbaren Dinge Körper und Geist zumindest für eine Zeit lang weit voneinander entfernt, aber nicht getrennt, wie zwei Magnete, die sich anziehen und nur schwer voneinander lassen können. Tunnel- und Stollensysteme verdeutlichen mir diese Fähigkeit, die in mir ruht, immer wieder: Manchmal mit dem Geist auf Weltreisen gehen zu können, ohne dass sich mein Körper von der „Heimat“ auch nur einen Millimeter weg bewegt. Stollen und Tunnel sind für mich Räume, aber keine Räume im klassischen Sinne mit Ein- und Ausgang, sie sind für mich unendliche Räume.

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