Der Schwan der Täuschung

Der Mann sass in der Nähe des Coop-Provisoriums und suchte etwas Kühlung bei der herrschenden Sommerhitze. Er hatte die Schuhe ausgezogen und tauchte seine Füsse ab und an in die Limmat, auf der auch ein paar Schwäne herum schwammen. Ich drückte den Auslöser und schoss an die sieben Bilder, aus denen ich dieses hier gezeigte auswählte. Ab und an, wenn ich viel Ruhe habe und mein Kopf frei von anderen Dingen ist, spiele ich mit der Physik, mit den Spezialitäten von Brennweiten, Blickwinkeln und den Eigenheiten von Tiefenschärfe und Kamera. Dann kommt manchmal etwas dabei heraus, was so nicht geschehen ist… Im Bild sieht man, wie der Mann mit dem grossen Zeh seines rechten Fusses den Kopf des Schwans zu streicheln scheint. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätten Mensch und Tier eine ganz besondere Beziehung zueinander, würden sich kennen und einander vertrauen. Nur sind Schwäne nicht so dumm! Und wenn ihnen ein Mensch auf diese Weise so nahe kommen würde, dann wäre es wohl um den Zeh jenes Mannes recht schlecht bestellt gewesen. Schwäne sind in der Regel recht bissige Tiere!

Nun bedarf es etwas Fachwissen, um zu erkennen, dass sich Zeh und Schwan nicht berührt haben, sondern es nur so aussieht, als ob. Wenn man vor dem geistigen Auge auf jenem Bild Fluchtlinien ziehen würde, so könnte man relativ deutlich erfassen, dass Schwan und Zeh gut ein bis zwei Meter voneinander entfernt waren. Um diesen Täuschungseffekt zu erzielen muss man also im richtigen Moment den Auslöser drücken, wenn sich zwei Fluchtlinien zu überlagern scheinen oder zumindest eng beieinander liegen – wie in diesem Falle. Weiterhin spielt es eine recht grosse Rolle, aus welcher Entfernung man dieses Bild gemacht hat und welches Objektiv dabei zu Einsatz kam. Ich selbst befand mich an die 20 Meter von dieser Szenerie entfernt und hatte ein 300mm Objektiv montiert, um Tiefenschärfe-Effekte von vornherein weitestgehend zu eliminieren. Andere Objektive hätten den Mann leicht unscharf dargestellt, den Schwan aber scharf, spätestens dann wäre ersichtlich gewesen, dass die beiden sich nicht berühren. Mit diesem Objektiv aber werden die unterschiedlichen Tiefen (Schärfentiefen) des Bildes eliminiert – und dann kann man spielen und den Betrachter an der Nase herum führen. Zugegeben: Es war auch etwas Glück, dass der Schwan im passenden Moment seinen Kopf senkte und das auch noch so, als würde er den Zeh des Mannes berühren.

Dieses Bild ist eines der wenigen, bei denen ich weitestgehend im Voraus konstruiert hatte, was ich auf dem Bild haben wollte – eben jene Täuschung. Ich hatte die Szenerie einige Minuten lang beobachtet und mir dann den richtigen Standpunkt ausgesucht, ich musste nur noch warten, bis jener Schwan in die Nähe des Mannes kommen würde. Manchmal, wenn ich mir Bilder anderer Fotografen anschaue, kommt mir etwas in dem Bild so vor, als würde es nicht passen, irgendetwas nicht stimmen. Dann lege ich meine Fluchtlinien auf das Bild und entdecke oft, dass nicht nur ich mit der optischen Wahrnehmung des Betrachters spielen kann. Manchmal lohnt es sich, ein Bild sehr genau zu betrachten, bevor der Eindruck entsteht, dass es sich um ein aussergewöhnliches handelt…

View All