Der Kirchturm von Fayon

Irgendwo in Katalonien liegt der kleine Ort Fayon, auf katalanisch Fayo, genauer: Lag. Ursprünglich im Tal des Ebro erbaut musste das kleine Dorf nach dem Bürgerkrieg den Planungen der spanischen Sieger über die Katalanen weichen. Spanien baute mehrere Talsperren entlang des Ebros, Dörfer, Eisenbahntunnel und zahlreiche Strassen verschwanden in den Fluten dieses Flusses. Fayon wurde später neu aufgebaut, nicht weit des alten Dorfes gelegen, die Reste des alten Fayon sind am Grunde des Flusses heute noch gut erkenntlich, so vor allem der Turm der alten Kirche, dessen Turmuhr um 15:35 stehen blieb. Ich tuckerte damals mit einem kleinen Motorboot bis zu jener versunkenen Ortschaft. Durch das klare Wasser des Flusses konnte ich am Grund noch die Überreste der alten Bauten erkennen, den Verlauf der Strasse, die sich einst durch jenes Tal wand. Ich umrundete den Turm, stellte den Motor ab und liess mich ein wenig treiben. Man hatte die Glocke aus dem Turm entfernt, wie ich wenig später erfuhr, um sie einzuschmelzen und daraus Rohmetall für Kanonen zu gewinnen. Spaniens Diktator Franco ging wahrhaftig nicht zimperlich mit den Katalanen um und bis zum heutigen Tage wirken die Folgen jenes Bürgerkrieges überdeutlich nach. Wenn ich nur genau hin schaute, so waren insbesondere in dieser Gegend die Spuren jenes unsäglichen Krieges überall sichtbar. Alles das wollte nicht zu der Friedlichkeit der gesamten Szenerie passen, insbesondere der Kirchturm wirkte vollkommen deplatziert auf mich, wie ein Mahnmal dafür, wie Sieger mit den Unterlegenen seinerzeit umsprangen. Die Katalanen sollten sehen, dass sie diesen Krieg verloren hatten. Bis zum heutigen Tage kann man diese Tatsache wohl am deutlichsten in jenem kleinen versunkenen Ort erkennen.

So sass ich da in jenem kleinen Boot und dachte darüber nach, wozu Menschen in der Lage sein können, um ihren Sieg, ihren Machtanspruch sichtbar zu machen und es viele folgende Generationen spüren zu lassen, dass so etwas jederzeit wieder geschehen kann.

Ich fuhr noch ein wenig mit dem kleinen Motorboot in der Gegend herum, sah gesprengte Eisenbahnbrücken, die im Gestein der umliegenden Berge verschwanden, die Tunnel vom aufgestauten Ebro überflutet. Eine komplette Infrastruktur wurde seinerzeit auf den Kopf gestellt, Generationen von Menschen auseinander gerissen, vertrieben. In Europa, nicht in Afrika oder sonst wo auf der Welt. All das hatte auf dem europäischen Kontinent statt gefunden, voran getrieben von Nationen, die man heutzutage „zivilisiert“ nennen möchte. Viel hat der Mensch seitdem nicht daraus gelernt, lediglich die Katalanen kämpfen immer noch um ihre Identität, um die Erhaltung ihres Bewusstseins, ihrer Volksseele; der Rest der Nationen, die es letztlich Franco ermöglichten, so mit den unterlegenen Katalanen zu verfahren, haben all das inzwischen vergessen, meiden die objektive Auseinandersetzung mit dieser Zeit.

Es wurde langsam dunkel, als ich mit dem kleinen Boot wieder anlegte. Fayon, der Kirchturm und die in den Fluten versunkenen Mauern waren nicht mehr zu sehen, zu weit war ich von der Geschichte entfernt. Es duftete stark nach Rosmarin, die umher liegenden Steine strahlten die von ihnen gespeicherte Sonne des Tages in die Kühle des Abends ab. Kein Laut war zu hören. In der Ferne überquerte ein Raubvogel den Ebro. Die Sonne tauchte den Fluss in ein dunkles Gold. Nichts wollte zusammen passen, die Geschichte nicht mit der Gegenwart, das Gesehene nicht mit dem Interpretierten. Die Gegensätzlichkeit dieser ansonsten friedlichen und unscheinbaren Landschaft, das Aufeinandertreffen von Jahrzehnten europäischer Geschichte an einem einzigen Nachmittag an einem einzigen Ort überforderte mich, noch über ein paar Stunden hinweg arbeitete es in meinem Kopf, immer und immer wieder rief ich mir Passagen aus Büchern zu dem Krieg jener Zeit in meinen Kopf zurück, bis es einfach nicht mehr ging, zu absurd, zu unfassbar erschien mir der Gedanke, dass ausgerechnet hier, an einem Ort, der friedlicher und schöner nicht hätte sein können, derartiges geschehen war.

Aber der Kirchturm war nicht versunken. Obwohl er wie ein Mahnmal wirkte, so hatte er auch etwas sehr beruhigendes, so, wie er da seit Flutung eines ganzen Tales unerschütterlich stehen geblieben war, der Kirchturm des alten Fayon. Immer wieder kommen mir kleine Sequenzen jener Bootsfahrt von jenem Tag in den Kopf. Immer wieder umfahre ich in meinen Gedanken jenen Kirchturm ohne Glocke, dessen Uhr um 15:35 Uhr stehen geblieben war.

View All