Das Streitgespräch

Dass Menschen zuweilen recht fragwürdige Dinge machen, ist keine weise, denn eine neue Erkenntnis. Diesbezüglich gibt es kaum noch etwas, was mich schockiert – aber durchaus noch lange in seinen Bann ziehen kann. So, wie dieses Pärchen, welches ich in einer Arbeitspause an den Stufen des GZ Wipkingen bei der Limmat entdeckte. Es war im Grunde genommen keine Entdeckung, sie waren nicht zu überhören, vor allem sie war nicht zu überhören, in Italienisch richtete sie einige Worte recht nachdrücklich an ihren Mann oder Freund oder was auch immer. Ich betrachtete die Szenerie und drückte dann irgendwann auf den Auslöser, als das gesamte Geschehen mir wie ein klassisches Sinnbild für die Kommunikation zwischen Mann und Frau erschien, wenn irgendetwas nicht gut ist. In diesem Moment konzentrierte sich die Frau ganz und gar auf den Mann, ihre junge Tochter (nicht im Bild zu sehen) war zu jenem Zeitpunkt für sie nicht existent, alles drehte sich um den Streit (und es war einer!). Es interessierte sie auch nicht, was sonst noch um sie herum geschah, wie andere darauf reagieren würden – und genau das finde ich immer wieder erstaunlich, wie insbesondere in Streitsituationen Menschen jegliche Privatsphäre zu vergessen scheinen und ihre Umwelt dabei vollkommen frei von jeglicher Rücksicht in ihre Streitwelt mit hinein ziehen.

Sie nagelte den Mann mit ihren Worten und vor allem Handgesten mitten in der Limmat fest. Ich konnte nicht alles verstehen, auch verstehe ich Italienisch nur rudimentär, aber irgendwann erfasste ich, dass es wohl um eine andere „sie“ gehen musste (und nein, es war definitiv nicht seine oder ihre „Mama“, die Bestandteil der Diskussion war, auch ging es nicht um die Tochter der Frau). Was immer jener Mann auch ausgefressen hatte: Nachdem er sich anfänglich noch verbal zu wehren versuchte, wurde er mit steigender Unerbittlichkeit jener Frau zunehmend leiser, erstarrte langsam aber sicher zu einer Salzsäule (und das mitten in einem Süsswasserfluss!!!). Die ganze Darbietung dauerte in etwa drei bis vier Minuten. Dann verliessen sie die Limmat und setzten sich auf die Betonstufen. Während die Tochter von alledem vollkommen unbeeindruckt vor sich hin spielte, musste der Mann sein Handy an die Frau heraus geben. Die wischte energisch auf dem Ding herum, schien etwas zu suchen. Er schaute in alle erdenklichen Richtungen. Nur nicht in ihre.

Leider musste ich meine Pause beenden. Vielleicht wäre sonst eine ganze Bildreihe entstanden…

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