Das „Kulturhaus“

Auf der Halbinsel Usedom steht in einem kleinen Städtchen dieses Ding, diese Ruine, für mich Sinnbild für den Umgang „der Deutschen“ mit ihrer eigenen Geschichte – oder besser: Ihren „Nicht-Umgang“. Ich entdeckte diesen Bau erstmals 2009, als ich im Herbst auf jener Halbinsel ein paar Tage Urlaub machte. Damals sah der Ort, in dem jenes Kulturhaus steht, nicht viel besser aus, als eben jenes, inzwischen hat sich viel in diesen Ortschaften viel verändert, viele Bauten wurden modernisiert und restauriert, nicht aber jener Klotz, der zwar entfernt an den Baustil der Nationalsozialisten erinnert, aber erst nach dem Krieg dort hingebaut wurde. Es hatte sich noch kein „echter“ sozialistischer Baustil entwickelt, also bediente man sich leicht abgewandelter Bauprinzipien des erst wenige Jahre zuvor besiegten Feindes. Bauten wie dieses Kulturhaus pflanzte die neue Regierung der DDR (Deutsche Demokratische Republik, auch „Ost-Deutschland“ genannt) tonnenweise in die sozialistische Landschaft. Diese Veranstaltungsräume dienten im wesentlichen zur Verbreitung sozialistischen und kommunistischen „Kulturgutes“, mit denen der deutsche Arbeiter auf die kommende Zeit eingeschworen werden sollte: Weg vom Nationalsozialismus und vor allem Abgrenzung vom kapitalistischen Westen, säuberlichst kontrolliert und gesteuert von den entsprechend zuständigen „Organen“ der DDR-Regierung. Es ist für mich immer wieder ein merkwürdiges Gefühl auf einem Boden zu stehen, auf dem sich innerhalb von nicht einmal hundert Jahren gleich mehrere Staatssysteme abgewechselt haben: Usedom war für viele Jahre die Badewanne Berlins und nebenbei Kur-Zentrum für die hohen Tiere Preussens, auf Preussen folgte die Weimarer Republik und auf die die Nazis, die nichts besseres zu tun hatten, als auf Usedom Raketen zu bauen, zu testen und auf England zu feuern, dann kamen die Russen, die die Nazis hinweg fegten und dann ihre Marionetten-Regierung installierten, 1989 fiel die Mauer und das war es dann. Vorerst. Fünf verschiedene Systeme…

2015 weilte ich erneut auf Usedom, suchte wieder diesen Bau auf, wollte ihn mir von innen ansehen (nichts und niemand schien diese Ruine zu bewachen), aber Stimmen aus dem Schlund jenes Klotzes gaben mir sehr deutlich zu verstehen, dass ich hier nicht erwünscht war. Einige Zeit später weilte ich zu Besuch bei meinen Eltern in Berlin. Auch mein Vater kannte jenen Bau, allerdings aus einer ganz anderen Erfahrung heraus. Relativ kurz nach dem Fall der Mauer verbrachte er einige Tage mit einer seiner Schulklassen dort. In jener Klasse war auch ein Junge mit dunklerer Hautfarbe. Dieser wurde in jenem Ort offen und unmissverständlich angefeindet – rassistisch motiviert. Relativ kurz nach dem Fall der Mauer. Bereits damals war offensichtlich, wohin sich der Grossteil der Bevölkerung in politischer Sicht hin bewegen würde, heute ist Usedom ganz unverhohlen überwiegend konservativ bis rechts. So verwundert es auch nicht, dass der Bürgermeister des Ortes, in dem der Schüler meines Vaters offen angefeindet wurde, sich de facto nicht um jenen Vorfall kümmerte. Ob aus Angst oder absichtlicher (rassistischer…) Ignoranz spielt im Endeffekt keine Rolle. Soweit ich das überschauen kann, ist der Bürgermeister, der heute für diesen Ort zuständig ist, Mitglied einer unabhängigen Wählergemeinschaft. Vielleicht ist das mal ein Gegenpol, vielleicht aber auch nicht, „unabhängig“ kann alles mögliche bedeuten, vor allem in Deutschland. Deutschland tut sich so unendlich schwer mit dem ominösen Ding „Zivilcourage“, das ist auch Resultat der vielen grundlegenden Systemwechsel des vergangenen Jahrhunderts.

Da stand ich nun vor diesem verfallenden Bau und schaute auf das Sinnbild für den Umgang der Deutschen mit ihrer eigenen Geschichte. Aus dem Bau des kultivierten Sozialismus erklangen Phrasen des Dritten Reiches. Ich drückte auf den Auslöser und betrachtete noch eine Zeit lang das schief hängende „L“.

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